Der ägyptische Ungehorsam im Januar 2011

Die Umbrüche in Kairo im Januar 2011 fielen nicht vom Himmel. Der zivile Ungehorsam wurde studiert, trainiert und schließlich umgesetzt. Hier kommt eine Zusammenfassung über die Mobilisierung in U-Bahnen oder durch Taxifahrer, das Prinzip der dezentralen Organisation, Facebook, die Rolle der Fußballfans und schließlich über die immer noch ernste Menschenrechtssituation in Ägypten unter dem heute regierenden Obersten Militärrat. Der Jahrestag ist Anlass für weiteren massiven Protest gegen das Militärregime.

Die Proteste am 25. Januar 2011 in Kairo waren gut organisiert. Bis 2011 war dieses Datum in Ägypten ein Feiertag zu Ehren der Polizei. Zu den ersten Demonstranten gehörten einfache arme Ägypter aus dem Stadtteil Boulaq Al-Dakrour. Dies behauptet Charles Levinson, der sich hauptsächlich auf den El-Baradei-Mitarbeiter und 41-jährigen Architekten Basem Kamel beruft. Die Gruppe bestand aus gut einem Dutzend Aktivisten von sechs Jugendbewegungen, darunter Anwälte für Arbeiterrechte, Muslimbrüder und nicht zuletzt die Jugendbewegung vom 6. April. Sie riefen im Internet zum Protest an zwanzig verschiedenen Orten in Arbeitervierteln in Kairo auf, um die Repressionskräfte zu beanspruchen. Unterstützt wurden sie von der Facebook-Seite zum Gedenken des zu Tode geschlagenen Bloggers Khaled Said mit damals 380.000 Mitgliedern. Einer der beiden Administratoren war der Google-Mitarbeiter Wael Ghonim. Gleichzeitig rief Asmaa Mahfouz  von der Jugendbewegung 6. April mit einfachen, bewegenden Worten anlässlich des Todes eines von vier Ägyptern, die sich vor dem Parlament verbrannt hatten, zum Protest am 25. Januar auf ( siehe unten bzw. youtube). Anschub gab besonders die Revolution in Tunesien und die Flucht Ben Alis am 14. Januar 2011. Die zwanzig Demonstrationsorte waren in dicht besiedelten Arbeitervierteln, an Plätzen in der Nähe von Moscheen. „Den 21. Ort, den kannte keiner“, so Kamel zum Wall Street Journal. Um Verhaftungen vorzubeugen schliefen die Aktivisten die letzten drei Tage nicht zu Hause und nutzten die Mobiltelefone von Familienmitgliedern oder Freunden. In kleinen Gruppen kundschafte man das Stadtviertel Boulaq Al-Dakrour aus, in dem man besonders viele Flugblätter verteilte. „Sie gaben den Leuten die Idee, dass die Revolution am 25. Januar beginnen würde“, so Kamel. In dem Stadtteil mit den hohen schmalen und meist ungeteerten Gassen im Westen Kairos lebt eine halbe Million Menschen auf 300 Hektar. Es gibt keine öffentliche weiterführende Schule. Die Bewohner sollen das Geld für ein Krankenhaus und Wasserleitungen selbst zusammengelegt haben, wie der Buchjournalist Doug Saunders in seiner Analyse über Migration in Großstädte beschreibt. Die Organisatoren der Proteste gingen davon aus, dass der Erfolg von der Teilnahme einfacher Ägypter aus den Arbeitervierteln abhing. Aus Sicherheitsgründen wurden am Tag selbst von vier Leitungspersonen kleine Gruppen von je zehn Leuten losgeschickt, wobei nur jeweils einer den Treffpunkt kannte: den Hayis-Süßwarenladen in Boulaq Al-Dakrour. Die Gruppen wuchsen an zu einer Masse von 300 Leuten ohne irgendwelche Polizei in der Nähe, so dass Hunderte aus der Nachbarschaft dazu kamen, bis es mehrere Tausend waren, so die Arbeiter des Süßwarenladens. Während die anderen Demonstrationen stärker von der Polizei angegriffen wurden, soll es dieser gelungen sein bis zum Tahrirplatz vorzudringen. [1]

Copy Right by Claudia Wiens

weitere außergewöhnliche Fotos aus dem Alltag von Kairo

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Der heilige Schein der Mutter Teresa

Sie wird der Welt als “kleine, gebückte Frau im weißblauen Sari, die immer ein gütiges Lächeln in ihrem zerfurchten Gesicht zeigte”, in Erinnerung bleiben.[1] Ihr Auftreten war resolut und pragmatisch: 1964 wollte Papst Paul IV Mutter Teresa in Bombay besuchen und ihr eine Limousine schenken. Doch als er kam, war sie nicht da. Sie hielt gerade die Hände eines sterbenden Mannes namens Onil: „Gelebt habe ich wie ein Tier auf der Straße, aber nun kann ich wie ein Engel sterben,“ soll er gesagt haben.[2] Mit der geschenkten Limousine veranstaltete Mutter Teresa eine Tombola, die 100.000 US-Dollar eingebracht haben soll.

Inzwischen sind ihrem Orden der Missionarinnen der Nächstenliebe (Missionaries of Charity) 4500 Schwestern beigetreten. Er unterhält 710 Häuser in 133 Ländern. Recht schnell stößt man bei Mutter Teresa allerdings auf Unstimmigkeiten und Kritik, die kaum mit dem Bild der „Heiligen der Gosse“ zusammenpasst.

„Kuschelzoo des Grauens“

Else Buschheuer, heute TV-Moderatorin beim MDR, arbeitete 2004 sechs Wochen in dem ersten von Mutter Teresa gegründeten Hospiz Nirmal Hriday. Die Patienten bekämen Nummern und wären immer wieder miteinander verwechselt worden. Mundschutz und Gummihandschuhe habe sie sich selber gekauft und am Ende des Tages zerschnitten, damit sie nicht wiederverwendet würden. Oft habe es an Handtüchern, Laken, Decken und Windeln gefehlt. Buschheuer berichtet vom Putztag: “Geputzt werden die plastikbezogenen Matratzen – aber wohin so lange mit den Patientinnen? Wie Würmer kringeln sich die Frauen auf dem Steinfußboden, vierzig von ihnen oder mehr, vertiert, halb nackt, sich beschmutzend, mit geschorenen Köpfen. (…) Wenn ich meinen Fotoapparat dabei hätte (fotografieren ist nur mit Sondergenehmigung erlaubt), würde ich diesen Anblick festhalten, um das Foto amnesty international zu schicken, und ich würde jeden niederschlagen, der mich daran hindert. … Ich brülle: ‚Es sind Menschen! Sie haben ein Recht auf Würde!‘ Dmitri [ein Freiwilliger, NPR] hat keinen Schimmer, wovon ich rede. Seit Urzeiten wird das so gemacht am Putztag. Er schuftet in der Doppelschicht, mehr als acht Stunden täglich, wie ein Pferd.“[3] Buschheuer spricht von einem „Kuschelzoo des Grauens“. Die Freiwillige Mary Loudon fühlte sich beim Anblick der Sterbenden an die KZ-Bilder von Bergen-Belsen erinnert: Es gibt keinen Garten … nichts. Ich konnte es nicht fassen. Zwei Räume mit 50 bis 60 Männern in dem einen und 50 bis 60 Frauen in dem anderen. Sie sterben. Sie bekommen nicht gerade viel medizinische Versorgung. Sie bekommen kein Schmerzmittel außer Aspirin … und das bei den Schmerzen bei Krebs im Endstadium.”[4] Der Freiwillige Hemley Gonzalez berichtet von seinen Erlebnissen in der Niederlassung des Ordens in Kalighat 2008: “Ich war schockiert über die Nachlässigkeit. Nadeln wurden unter kaltem Wasser abgewaschen und wiederverwendet und den Insassen wurde abgelaufene Medizin gegeben. Es gab Leute, die eine Chance zum Leben gehabt hätten bei einer ordentlichen Versorgung,” so Hemley. Ein Freiwilliger habe versehentlich einen gelähmten Kranken Essen gegeben, an dem dieser zu Tode erstickt sei. In einem anderen Fall wurde ein infizierter Zeh ohne Betäubung abgeschnitten. Der Immobilienhändler begann auf Facebook die Kampagne „Stop Missionaries of Charity“. Mit Freunden und ähnlich empörten und enttäuschten Freiwilligen gründete er die Hilfsorganisation „Responsible Charity“. Ein Motto der Organisation: „Medizin und Bildung scheinen effektiver als Gebete zu sein.“ Sie legen besonderen Wert auf Transparenz der Finanzen. Ihre Homepage zeigt täglich den Stand der Bilanz, der Bürokosten und der Ausgaben. Sogar die einzelnen Rechnungen werden auf Facebook veröffentlicht.[5]

Hemley Gonzalez mit einem schwer kranken Mann (Foto: H.Gonzalez)

Hemley Gonzalez mit einem schwer kranken Mann (Foto: H.Gonzalez)

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PALESTINE 2.0 versus FATAHAMAS RELOADED

Zum Einheitsabkommen zwischen Fatah und Hamas in Kairo

ÜBLICHE VERDÄCHTIGE

Feierlich sprach der ägyptische Vermittler Mourad Mowafi bei der Unterzeichnung des Einheitsabkommens zwischen Hamas und Fatah in Kairo: „Mit dem politischen Willen, den wir heute hier sehen, sind wir sicher, dass wir Erfolg haben werden.“[1] Dieser Wille hatte sich kurz vor der Zeremonie noch in einem Streit zwischen Mahmoud Abbas und Khaled Meshaal um Sitzordnung und Redezeit verdeutlicht. Wahlen im Frühjahr und eine Übergangsregierung aus parteifernen Technokraten stehen auf dem Papier. Mit Hilfe eines gemeinsamen Hohen Sicherheitskomitees sollen die Sicherheitsapparate von Hamas und Fatah bzw. der Palästinensischen Autonomiebehörde (PA) fusioniert werden. Praktisch steht dies im Widerspruch zur bereits etablierten Sicherheitskooperation mit Israel in der West-Bank. Der ägyptische Vermittler Mowafi, zuvor Leiter des Militärgeheimdienstes und Gouverneur von Nord-Sinai, wurde Ende Januar noch von Husni Mubarak zum Chef des Geheimdienstes ernannt. Welche Rolle der fünfmalige Besuch israelischer Delegationen in der Zeit der Verhandlungen spielte, werden Wikileaks oder Historiker zu klären haben.[2] Bedeutend könnte die Fatahamas-Einigung hinsichtlich einer Anerkennung Palästinas durch die UN-Generalversammlung im September sein. Die letzte Einigung zwischen Abbas und Meshaal im Februar 2007 in Mekka endete allerdings in einem innerpalästinensischen Bürgerkrieg. Papier hat im Nahen Osten meist mehr Geduld als dessen Unterzeichner. Sollte das Abkommen wider Erwarten Erfolg haben, wird sich „der Westen“ an der Hamas abarbeiten.

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Syrische Soldaten gegen syrische Soldaten

“Battalions of the Fifth Division were protecting people, and returned fire when they were subjected to attacks by the Fourth Division”, wird Ausama Monajed von einer Oppositionsgruppe aus Syrien und dem Exil von The Boston Globe zitiert. Im Zuge der Invasion von Daraa am 25. April 2011 feuerten Soldaten der Vierten und Fünften Division im Zentrum der Stadt bei der Omari-Moschee aufeinander. Die Vierte Division wird von Maher al-Assad kommandiert, dem Bruder des Präsidenten BasChar al-Assad. Der Kommandant der vierten Division heißt laut AlJazeera Muhammad Saleh Al-Rifai.

The Boston Globe 29. April 2011
http://www.boston.com/news/world/middleeast/articles/2011/04/29/syrian_army_units_turn_on_each_other_amid_crackdown/

vgl. “Mutiny in the Syrian army?” by Ammar Abdulhamid from AlJazeera 27. April 2011
http://english.aljazeera.net/indepth/opinion/2011/04/2011426115117817489.html

vgl. youtube.com: “Syrian soldiers shot by fellow troops”
http://www.youtube.com/watch?v=i3ZOijuH1tQ&skipcontrinter=1

Ein kleine Einführung ins Who is Who gibt die BBC: Der kleine Bruder des Präsidenten Maher Al-Assad, Befehlshaber der Republikanischen Garde und der Vierten Division der Armee, soll 1999 bei einer Familienfehde angeblich schon mal dem Vize-Oberbefehlshaber der Armee in den Bauch geschossen haben. Inzwischen haben sie sich wieder versöhnt.

“Bashar al-Assad’s inner circle, BBC, 27. April 2011 http://www.bbc.co.uk/news/world-middle-east-13216195

Martin Gehlen, “Wer Bashar al Assad bisher stützte”, Tagesspiegel, 28.04.2011 http://www.tagesspiegel.de/politik/wer-bashar-al-assad-bisher-stuetzte/4111226.html

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Wozu noch Journalismus?

Die Antwort auf diese Frage wird in einem Band mit 29 Essays verschiedenster Medienschaffender besprochen.

Das Internet verändert den Beruf des Journalisten, nicht zuletzt durch die ökonomischen Probleme, denen Zeitungen durch das Internet ausgesetzt sind. Zu Wort kommen Autoren wie Ernst Elitz, der Gründungsintendant des Deutschlandradios, die Moderatorin Maybritt Illner, stern-Chefredakteur Hans-Ulrich Jörges oder der Blogger Sascha Lobo.

Allein 2009 brachen die Netto-Werbeerlöse der 351 Tageszeitungen in Deutschland um 15,5 Prozent im Vergleich zum Vorjahr ein. Dies ergibt sich aus der Veröffentlichung der Marktanalyse 2009 / 2010 des Zentralverbandes der Deutschen Werbewirtschaft.

„Die Netto-Werbeerlöse der 351 in Deutschland erscheinenden Tageszeitungen – inklusive 10 überregionaler Blätter und 8 Straßenverkaufszeitungen – schrumpften um 679 Mio € auf 3 694 Mio €.“

Hans-Peter Siebenhaar vom Handelsblatt verurteilt die „lebensgefährliche Gratiskultur“ der Zeitungen und betont den materiellen Wert exklusiver wie spezialisierter Inhalte. Peter Littger und Lukas Kircher von der Medienagentur KircherBurkhardt beschreiben das iPad als eine Mischung aus Fernsehen, Print und Computerspiel. Hoffnungsvoll prognostizieren sie einen neuen Wettbewerb zwischen den Verlagen, den die verlieren würden, die sich an der Redaktion totgespart hätten. Laut einer Studie der Gesellschaft für Konsumforschung seien allerdings nur 10 Prozent der Deutschen bereit, für Nachrichten im Netz zu zahlen, schreibt Thomas Krüger von der Bundeszentrale für politische Bildung.

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über mich

Ich bin Politikwissenschaftler und Verlagskaufmann. Als freier Journalist schreibe ich für den EPD und bin verantwortlicher Redakteur für die Jugend- und Kinderseiten des Evangelischen Monatsmagazins “Frohe Botschaft“. Seit Sommer 2010 lebe ich in Bielefeld und arbeite weiterhin projektbezogen für das Welthaus Bielefeld und die AWO Bielefeld. Zwischen 2006 und 2010 führte ich Besucher auf Deutsch und Englisch durch die KZ-Gedenkstätte Sachsenhausen. Unter Sachsenhausen erinnern habe ich einige Auszüge aus Berichten verschiedener Überlebender veröffentlicht. Seit Sommer 2010 wohne ich mit meiner Frau Michaela in Bielefeld, deren Nachnamen ich angenommen habe. Meine Artikel vor Juli 2009 wurden unter meinem alten Namen “Schütte” veröffentlicht.

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