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Wozu noch Journalismus?

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Die Antwort auf diese Frage wird in einem Band mit 29 Essays verschiedenster Medienschaffender besprochen.

Das Internet verändert den Beruf des Journalisten, nicht zuletzt durch die ökonomischen Probleme, denen Zeitungen durch das Internet ausgesetzt sind. Zu Wort kommen Autoren wie Ernst Elitz, der Gründungsintendant des Deutschlandradios, die Moderatorin Maybritt Illner, stern-Chefredakteur Hans-Ulrich Jörges oder der Blogger Sascha Lobo.

Allein 2009 brachen die Netto-Werbeerlöse der 351 Tageszeitungen in Deutschland um 15,5 Prozent im Vergleich zum Vorjahr ein. Dies ergibt sich aus der Veröffentlichung der Marktanalyse 2009 / 2010 des Zentralverbandes der Deutschen Werbewirtschaft.

„Die Netto-Werbeerlöse der 351 in Deutschland erscheinenden Tageszeitungen – inklusive 10 überregionaler Blätter und 8 Straßenverkaufszeitungen – schrumpften um 679 Mio € auf 3 694 Mio €.“

Hans-Peter Siebenhaar vom Handelsblatt verurteilt die „lebensgefährliche Gratiskultur“ der Zeitungen und betont den materiellen Wert exklusiver wie spezialisierter Inhalte. Peter Littger und Lukas Kircher von der Medienagentur KircherBurkhardt beschreiben das iPad als eine Mischung aus Fernsehen, Print und Computerspiel. Hoffnungsvoll prognostizieren sie einen neuen Wettbewerb zwischen den Verlagen, den die verlieren würden, die sich an der Redaktion totgespart hätten. Laut einer Studie der Gesellschaft für Konsumforschung seien allerdings nur 10 Prozent der Deutschen bereit, für Nachrichten im Netz zu zahlen, schreibt Thomas Krüger von der Bundeszentrale für politische Bildung.

Drei Argumente, wozu Journalismus noch gebraucht würde, werden wiederholt vorgebracht: Das Postulat der vierten Gewalt im Staate, das Postulat, der Wahrheit zu dienen und das Ethos der journalistischen Sorgfaltspflicht, nämlich ordentliches journalistisches Handwerk zu betreiben. Nicht selten geschieht letzteres in Abgrenzung zu den Bloggern des „unbekümmerten Plapperns“. Dagegen seien Journalisten „Welterklärer“, meint Ernst Elitz, Gründungsintendant des Deutschlandradios. Gleichzeitig wiederum grenzt sich die Mehrheit der Autoren von Kollegen ab, die sich von den strukturellen Herausforderungen des weltweiten Netzes und der Macht der Blogger verunsichern ließen. So meinen die Herausgeber Stephan Wichert und Leif Kramp von der Macromedia Hochschule für Medien und Kommunikation, viele Journalisten seien heute „Neandertaler der digitalen Ära“. Journalisten müssten „künftig nicht nur für ihr Publikum arbeiten, sondern mit ihm in einen unabhängigen Dialog treten“. Wozu noch Journalismus? Der Blogger Stefan Niggermeier entgegnet, dass das „Wie“, nicht das „Wozu“ sich geändert habe. Den vielfältigen Kommunikationspotentialen des Web 2.0 habe sich die Papierjournalistenlobby bisher verschlossen. Der schlechte Journalismus, also die Vervielfältigung-Maschinerie von Agenturmeldungen, sei eben erst in Zeiten des Internets aufgefallen. Dass die Möglichkeiten des Web 2.0 – Kommentarfunktion, Verlinkung, soziale Netzwerke und offene Recherche – zu wenig genutzt würden, kritisiert der Blogger Sascha Lobo und verweist auf die Web-Portale bildblog.de oder netzpolitik.org, die ihre Leserschaft stärker einbinden. Leider erwähnt er nicht, wieweit sich Zeitungen durch Anwendung von Web 2.0 auch ökonomisch verbessert haben.

Bei all diesen neuen Möglichkeiten schwingt im Subtext die Frage nach den ökonomischen Bedingungen mit. Der vorherige Band mit dem Titel „Wozu noch Zeitungen?“ geht darauf ein. Die Herausgeber Stephan Weichert und Leif Kramp stellten bereits im Juli 2009 in Zeit-Online fünf Finanzierungsmodelle für Tageszeitungen in Deutschland vor. Der ökonomische Aspekt bleibt aber am Rand. Neben Stiftungsmodellen, wie bei der Medienagentur ProPublica in New York wird die gezielte Finanzierung einzelner Artikelprojekte durch die Leser, wie etwa bei Spot.Us aus San Francisco als Beispiel genannt. Das nennt sich „crowd funded journalism“. Angesichts eines Budgets von 7,3 Milliarden Euro jährlich für ARD und ZDF lädt Wolfgang Blau von Zeit-Online mit einigen konkreten Beispielen zu einer Debatte über mögliche Kooperationen zwischen privaten und öffentlich-rechtlichen Medien ein.

Anja Reschke, Moderatorin von Panorama und Zapp, verdeutlicht anhand der haarsträubenden Fehler bei der Berichterstattung über den Winnenden-Amoklauf die Schwierigkeiten einer schnellen und unsauberen Online-Recherche. Jakob Augstein vom Berliner Freitag beklagt die Nähe zur Macht bei Journalisten (vgl. Jakob Augstein, „Das ist nicht ihr Kanzleramt!“, SZ v. 16.02.2010).  So habe Merkel bei einem Treffen am 8. Oktober 2008 die bedeutendsten Chefredakteure um Zurückhaltung bei der Berichterstattung über die Krise gebeten (vgl. Friedrich Krotz, „Der Kapitalismus ruiniert sich selbst“, taz v. 18.02.2009). Sonia Mikich von Monitor zeigt sich selbstkritisch angesichts der digitalen Themeninflation. Zu oft seien Journalisten als Teilhaber der politischen Elite, so genannte „Meinungsfrisöre“. (Das Wort hat der Journalist und Medienkritiker Tom Schimmeck erfunden.) Die Grenzen zwischen Fakt und Fiktion sowie Journalismus und PR würden mehr und mehr verschwimmen. Ihr Fazit: „Immer besser informiert, immer weniger weise.“

Der Essay-Band ist ein – sich etwas wiederholender – Appell an Journalisten, die Möglichkeiten des Webs zu nutzen und gleichzeitig dem journalistischen Anspruch gerecht zu werden. Beim Lesen findet man immer wieder neue spannende Medienprojekte aus dem Internet. Während Vandenhoeck und Ruprecht den Band als Buch anbietet, sind die Essays bezeichnender Weise bei sueddeutsche.de online gestellt. Karen Saure von Vandenhoeck & Ruprecht meinte, beim Vorgängerband über Zeitungen und Internet sei man auch so vorgegangen und dennoch auf ein „reges Interesse“ gestoßen.

Nicolaus Raßloff

netzpolitik.org stellt sich als „eine politische Plattform für Freiheit und Offenheit im digitalen Zeitalter“ vor und erhielt bereits einige Auszeichnungen, u.a. von Reporter ohne Grenzen als „bestes Webblog für Meinungsfreiheit“ ausgezeichnet.

www.onlinejournalismus.de Der Name des Blogs ist Programm. Die Seite verlinkt auch zu aktuellen Artikeln auf anderen Websites. Weitere Schwerpunkte sind Bürger- und Videojournalismus.

Spot.us betreibt crowdfunding journalism, was mit massenfinanziertem Journalismus übersetzt werden könnte. Leser diskutieren die Themen und Journalisten machen ein Angebot für einen Artikel. Ihre Arbeit beginnen diese, wenn die lesergestützte Finanzierung für ein Thema gesichert ist.

www.informationisbeautiful.net visualisiert jede Art von Daten: Statistiken, Landkarten, Mind-Maps. Der Journalist und Web-Site-Betreiber David McCandless zeigt, wie sich ein Journailst im Web 2.0 im Internet präsentieren kann: www.informationisbeautiful.net/about/

carta.info ist ein Autorenblog über digitale Öffentlichkeit und erhielt 2009 den Grimme Online Award. Laut Selbstdarstellung fühlt man sich den Qualitätskriterien des klassischen Journalismus verpflichtet. Carta ist der lateinische Begriff für Papier.

www.bildblog.de nennt sich „Watchdog für deutsche Medien“. Sie berichten über Falschmeldungen, Schleichwerbung und nicht eingehaltene Persönlichkeitsrechte in der Presse.

medienkompetenz20.deStudenten aus den Fachbereichen Informatik, Jura und Kommunikationswissenschaft bieten Workshops für Jugendliche und leiten regionale Medien-AGs. Themen sind u.a. Persönlichkeitsrechte am Bild, Mobbing in Chatrooms u.a. Im SZ-Interview wird deutlich, was sie machen: jetzt.sueddeutsche.de/texte/anzeigen/513228

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Autor: rassloff

Verlagskaufmann Politologe Ex-Guide der Gedenkstätte Sachsenhausen Ehrenamt bei Grenzübertritte e.V. Ehrenamt der Zeitung "Frohe Botschaft"

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