Nicolaus Raßloffs Blog

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Der ägyptische Ungehorsam im Januar 2011

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Die Umbrüche in Kairo im Januar 2011 fielen nicht vom Himmel. Der zivile Ungehorsam wurde studiert, trainiert und schließlich umgesetzt. Hier kommt eine Zusammenfassung über die Mobilisierung in U-Bahnen oder durch Taxifahrer, das Prinzip der dezentralen Organisation, Facebook, die Rolle der Fußballfans und schließlich über die immer noch ernste Menschenrechtssituation in Ägypten unter dem heute regierenden Obersten Militärrat. Der Jahrestag ist Anlass für weiteren massiven Protest gegen das Militärregime.

Die Proteste am 25. Januar 2011 in Kairo waren gut organisiert. Bis 2011 war dieses Datum in Ägypten ein Feiertag zu Ehren der Polizei. Zu den ersten Demonstranten gehörten einfache arme Ägypter aus dem Stadtteil Boulaq Al-Dakrour. Dies behauptet Charles Levinson, der sich hauptsächlich auf den El-Baradei-Mitarbeiter und 41-jährigen Architekten Basem Kamel beruft. Die Gruppe bestand aus gut einem Dutzend Aktivisten von sechs Jugendbewegungen, darunter Anwälte für Arbeiterrechte, Muslimbrüder und nicht zuletzt die Jugendbewegung vom 6. April. Sie riefen im Internet zum Protest an zwanzig verschiedenen Orten in Arbeitervierteln in Kairo auf, um die Repressionskräfte zu beanspruchen. Unterstützt wurden sie von der Facebook-Seite zum Gedenken des zu Tode geschlagenen Bloggers Khaled Said mit damals 380.000 Mitgliedern. Einer der beiden Administratoren war der Google-Mitarbeiter Wael Ghonim. Gleichzeitig rief Asmaa Mahfouz  von der Jugendbewegung 6. April mit einfachen, bewegenden Worten anlässlich des Todes eines von vier Ägyptern, die sich vor dem Parlament verbrannt hatten, zum Protest am 25. Januar auf ( siehe unten bzw. youtube). Anschub gab besonders die Revolution in Tunesien und die Flucht Ben Alis am 14. Januar 2011. Die zwanzig Demonstrationsorte waren in dicht besiedelten Arbeitervierteln, an Plätzen in der Nähe von Moscheen. „Den 21. Ort, den kannte keiner“, so Kamel zum Wall Street Journal. Um Verhaftungen vorzubeugen schliefen die Aktivisten die letzten drei Tage nicht zu Hause und nutzten die Mobiltelefone von Familienmitgliedern oder Freunden. In kleinen Gruppen kundschafte man das Stadtviertel Boulaq Al-Dakrour aus, in dem man besonders viele Flugblätter verteilte. „Sie gaben den Leuten die Idee, dass die Revolution am 25. Januar beginnen würde“, so Kamel. In dem Stadtteil mit den hohen schmalen und meist ungeteerten Gassen im Westen Kairos lebt eine halbe Million Menschen auf 300 Hektar. Es gibt keine öffentliche weiterführende Schule. Die Bewohner sollen das Geld für ein Krankenhaus und Wasserleitungen selbst zusammengelegt haben, wie der Buchjournalist Doug Saunders in seiner Analyse über Migration in Großstädte beschreibt. Die Organisatoren der Proteste gingen davon aus, dass der Erfolg von der Teilnahme einfacher Ägypter aus den Arbeitervierteln abhing. Aus Sicherheitsgründen wurden am Tag selbst von vier Leitungspersonen kleine Gruppen von je zehn Leuten losgeschickt, wobei nur jeweils einer den Treffpunkt kannte: den Hayis-Süßwarenladen in Boulaq Al-Dakrour. Die Gruppen wuchsen an zu einer Masse von 300 Leuten ohne irgendwelche Polizei in der Nähe, so dass Hunderte aus der Nachbarschaft dazu kamen, bis es mehrere Tausend waren, so die Arbeiter des Süßwarenladens. Während die anderen Demonstrationen stärker von der Polizei angegriffen wurden, soll es dieser gelungen sein bis zum Tahrirplatz vorzudringen. [1]

Copyright by Claudia Wiens

weitere außergewöhnliche Fotos aus dem Alltag von Kairo

Die Jugendbewegung 6. April

Von der diskreten Vorbereitung berichtet auch Ahmed Maher von der Jugendbewegung 6. April, die ihre Ursprünge in den Streiks der staatlichen Webereien von 2008 hat: „Two days prior to the demonstrations we implemented a new mode of operation which saw activists being split into separate groups, with each group being made up of between 30 and 50 activists who would be posted to central areas and public squares to incite protests whilst only the leader of each group would be informed of the precise location of where the protests were scheduled to begin…meeting his group in a pre-selected location just prior to the beginning of the protest, and then guiding this group to the main rendezvous point.”[2] Ahmed Maher und Waleed Rashed von der Jugendbewegung 6. April berichten im Mai 2011 dem Massachusetts Institute of Technology von ihren Vorbereitungen: sie studierten in den vorhergehenden Jahren die Proteste des zivilen Ungehorsams von Ghandi, Martin-Luther King, Rosa Parks und den Protesten gegen Milosevic in Jugoslawien. Bei einzelnen Protesten in den drei Jahren zuvor wurden Taktiken zur Überwindung der Repression geübt: zum Beispiel wie man eine Demonstration von verschiedenen Startpunkten beginnt, so dass sie nicht an einem Ort gestoppt werden kann; wie man einen zentralen Platz von verschiedenen Eingängen erreicht; plötzliche Demonstration, die nicht bekannt gegeben wurden; den Schutz vor repressiver Gewalt und nicht zuletzt auch die Strategie der dezentralen Gruppen, die autonom agieren, aber miteinander verbunden sind, um der Polizei die Suche nach dem Zentrum zu erschweren. [3]

Ägyptische Taxifahrer als „Marketing-Tool“

Zehn Tage vor dem 25. Januar 2011 ging es um die Mobilisierung der Ägypter, die nicht Facebook zu erreichen sind. Oder wie es Waleed Rashed, der Finanzprodukte verkauft hatte, nannte, um „Marketing-Tools“ für alle Ägypter zu besprechen, die keinen Internetzugang haben und unter denen auch viele Analphabeten sind. Er telefonierte absichtlich während der Taxifahrt und organisierte die Proteste (bzw. fingierte dies). „Hi Ahmed everything is fine? … We must kill this Mubarak on 25th of January … and call Adl to make everything sure and we will be in Downtown on 25th and your group will be in Mohandessin. Everything is fine…” Zwei Tage vor dem 25. Januar erzählte schließlich ein Taxifahrer ihm selbst von den „verrückten Jungs“, die gegen Mubarak demonstrieren wollen. Weiterhin mobilisierte man in der U-Bahn, indem man Demoaufrufe in der U-Bahn per Handy abfilmte und so von Abteil zu Abteil ging. [vgl.3]

Fußballfans verteidigen den Tahrir-Platz

Nicht zu unterschätzen war die Rolle der Fußballfans in den ersten Tagen, als es darum ging den Tahrirplatz zu halten. Der ägyptische Blogger Alaa Abd El-Fatah meinte gegenüber al-Dschasira „Die Ultras haben eine bedeutendere Rolle gespielt als jede andere politische Gruppe.“ Alex Raack vom Fußballmagazin 11Freunde interviewte Amr Fahmy, der Mitglied des Fanclubs Ultras Ahlawy ist. Nach eigenen Angaben kontrollieren die Ultras Ahlawy gemeinsam mit Fußballfans aus Alexandria die Nordkurve des Stadions mit knapp 40.000 Zuschauern. Für das wöchentliche Fußballspiel organisieren sie Material für Choreographie, Pyrotechnik und die Fankasse, wobei es kein Clubhaus oder festen Treffpunkt gäbe, „das hätte es der Polizei in der Vergangenheit zu einfach gemacht, gegen uns vorzugehen“. Sie seien selbst unpolitisch. Es gäbe sowohl Kommunisten, Liberale, Anarchisten oder Islamisten in den eigenen Reihen. „Nur Mubarak-Sympathisanten wird man bei uns nicht finden. … Wir haben uns seit unserer Gründung 2007 gegen seine Polizisten gewehrt und wurden dafür in den Medien als Terroristen und Gewalttäter dargestellt. Wobei ich zugeben muss, dass wir nicht mit Pusteblumen geworfen haben.“ Raack zitiert den Fußballjournalisten Davy Lane „Es gab zugewiesene Steinewerfer, Spezialisten für das Umwerfen und Abfackeln von Fahrzeugen und Versorgungscrews, die wie am Fließband Munition nachlieferten.“ Amr Fahmy dazu: „Diese Beschreibungen passen eher auf Anhänger der Muslimbrüder, die zu Beginn der Revolution auf der Straße keine Rolle spielten, aber später bei den Kämpfen gegen die Pro-Mubarak-Fraktion mitgeholfen haben. Wir sind in den Straßenkämpfen eher wie bei den Auseinandersetzungen im Stadion aufgetreten: geschlossen auf die Polizisten los, als sie ihre Knüppel auspackten. Und Sie können mir glauben, dass wir mit prügelnden Polizisten in den vergangenen Jahren sehr viele Erfahrungen gemacht haben. … Es war ganz selbstverständlich, dass wir ganz vorne mit dabei waren, als die Menschen auf der Straße kämpften.“ Zwei Ultras sind bei den Straßenkämpfen am 25. und 28. Februar gestorben.[4]

Die Revolution ist nicht zu Ende

Allein der Proteste der ersten 18 Tagen bis zum Ende von Mubarak forderten laut Amnesty International mindestens 840 Tote und 6000 Verletzte. „Mubarak ist nicht länger an der Macht, aber sein Regime noch,“ beurteilt der Schriftsteller Alaa Al Aswany die Revolution. Zwar löste der jetzige Oberste Militärrat im März 2011 die Sicherheitspolizei (Amn Al-Dawla) auf, doch die verhassten Notstandsgesetze bestehen bis heute: Laut dem Hisham Mubarak Law Center habe der Oberste Militärrat in nur sieben Monaten zwischen Januar und September 2011 circa 12.000 Zivilisten verhaftet und bereits zu Teilen verurteilt. Die überaus hohe Zahl wird von dem Leiter der Militärjustiz, General Adel al-Morsy im September bestätigt. Zum Vergleich: In den 30 Jahren unter Mubaraks Herrschaft wurden 2.000 Zivilisten verurteilt. Nach Angriffen auf die Israelische Botschaft wurden im September die Notstandsgesetze zusätzlich verschärft und kriminalisieren jetzt zusätzlich Streiks, Verkehrsblockaden und die „Verbreitung von Gerüchten“. Die Niederschlagung  der Proteste im Oktober, November und Dezember forderte Dutzende von Toten. [5]

Die Analyse des Bloggers und Pazifisten Maikel Nabil Sanad über die ersten Wochen der Revolution zeigt: Die Armee konsolidierte im Gegensatz zu den eigenen Postulaten der Neutralität, nach der Absetzung Mubaraks das bestehende Regime mit Folter, Schlägern in zivil, Propaganda und Schutzhaft. Seine Veröffentlichungen „Die Armee und das Volk waren nie auf einer Seite“ wurde mit seiner Inhaftierung geadelt. Am 30. Dezember schreibt er aus dem Gefängnis: „Die ganze Zeit hoffe ich, dass auf dieselbe Art, wie die Revolution am 25. Januar 2011 ein starker Schlag gegen die Polizei war, dass der 25. Januar 2012 ein starker Schlag wird, den die Armee nie mehr vergisst.“  Gemeinsam mit weiteren 1950 Gefangenen soll er zum Jahrestag der Revolution entlassen werden. Für den Jahrestag werden massive Proteste mit mehr als einer Millionen Ägyptern erwartet.[6]

[1] Charles Levinson, Margaret Coker, The Secret Rally That Sparked an Uprising, Wall Street Journal, 11. Feb. 2011, http://online.wsj.com/article/SB10001424052748704132204576135882356532702.html, Zugriff 08.01.2012, vgl. Doug Saunders, Arrival City, Karl Blessing Verlag, München 2011, S.535-537.

[2] Ahmed Maher interviewt von Essam Fadl, Ashark AlAwsat, 10. Februar 2011 http://asharq-e.com/news.asp?section=3&id=24109 Zugriff 08jan2012 vgl. http://www.pbs.org/wgbh/pages/frontline/revolution-in-cairo/inside-april6-movement/

[3] 2. Mai 2011, 90 Min.-Vortrag über die Revolution in Ägypten und ihre Vorbereitung mit Ahmed Maher und Waleed Rashed von der Jugendbewegung 6. April, Massachusetts Institute of Technology, http://ttv.mit.edu/genres/23-global-awareness-action/videos/12512-cis-starr-forum-egypts-revolution, über Taktiken 25. Minute ; kritisch dazu bzgl. der Rolle der Koptischen Minderheit und Israel der Kommentar von Michael Armanious mit der Antwort von Rashed/Maher bei: Technology and Revolutions published by MIT, Jason Pontin 05/31/2011, Abdul-Rahman Salah
technology review published by MIT: http://www.technologyreview.com/blog/pontin/26827/
[4] 24.Mai 2011 http://www.11freunde.de/geschichtsstunde/139306, vgl. Martin Krauss, Die Fußballrevolution, taz, 16.02.2011, http://www.taz.de/!66001/ , Das AlJazeera-Interview mit Alaa Abd El-Fatah: http://www.20min.ch/news/dossier/tunesien/story/Die-aegyptische-Fussball-Revolution-14550470 , vgl. James M. Dorsey , “Egyptians Ultra Tactics Evident in the Battle for Cairos Tahrir Square” , 3. Feb. 2011,  http://bleacherreport.com/articles/595650-egyptian-ultra-tactics-evident-in-the-battle-for-cairos-tahrir-square

[5] Am 5. September veröffentlichte der  Leiter der ägyptischen Militärjustiz, General Adel al-Morsy folgende Zahlen: zwischen 28. Januar bis zum 29. August 2011 gab es insgesamt 3.863 Verfahren gegen Zivilisten vor Militärgerichten; 11 879 Zivilisten seien angeklagt worden. Davon seien 795 Angeklagte freigesprochen worden, 6 235 seien mit Gefängnis und 1 836 mit Bewährungsstrafen verurteilt worden. „Gegen weitere 1 225 Zivilpersonen seien ebenfalls Gefängnisstrafen verhängt worden. Die Urteile seien aber noch nicht bestätigt worden.“ ( http://de.wikipedia.org/wiki/Notstandsgesetzgebung_in_%C3%84gypten#cite_ref-9  ; vgl. Mai Shams El-Din , „12,000 in military courts under SCAF; 2,000 under Mubarak, says lawyer“, Daily News Egypt, 7. Sep. 2011,
Zur Verschärfung der Notstandsgesetze: Amnesty International, “Year Of Rebellion”, Jan. 2012, “ S. 12-13; vgl. Marwa Al-A’sar, „Legal experts say amending, extending emergency law illegal“,/Daily News Egypt, 12. Sep. 2011,
http://www.thedailynewsegypt.com/egypt/legal-experts-say-amending-extending-emergency-law-illegal.html)

Liste weiterer tödlicher Opfer bei Protesten:
Dispersing 9 April sit in: 7 martyrs-
Abbasiya July 23: 1 martyr
Israeli Embassy September 9: 3 martyrs
Maspero October 9: 31 martyrs
Mohamed Mahmoud clashes November 19: 70+ martyrs
Cabinet clashes December 16: 17 Martyrs
Menna Alaa, „To the people I used to call ’protectors’“, 16 Jan. 2012,
http://bikyamasr.com/53793/to-the-people-i-used-to-call-protectors/

[6] Maikel Nabil Sanads Blog: http://www.maikelnabil.com/2011/03/army-and-people-wasnt-ever-one-hand.html, zum Zitat aus seinen Briefen aus dem Gefängnis auf: http://maikel-nabil-in-jail.blogspot.com/, zur Begnadigung vgl. AP-Meldung vom 22. Jan. 2012

Aufruf von Asmaa Mahfouz
( http://www.democracynow.org/2011/2/8/asmaa_mahfouz_the_youtube_video_that oder www.youtube.com/watch?v=SgjIgMdsEuk&feature=player_embedded )

Four Egyptians have set themselves on fire to protest humiliation and hunger and poverty and degradation they had to live with for 30 years. Four Egyptians have set themselves on fire thinking maybe we can have a revolution like Tunisia, maybe we can have freedom, justice, honor and human dignity. Today, one of these four has died, and I saw people commenting and saying, „May God forgive him. He committed a sin and killed himself for nothing.“
People, have some shame.
I posted that I, a girl, am going down to Tahrir Square, and I will stand alone. And I’ll hold up a banner. Perhaps people will show some honor. I even wrote my number so maybe people will come down with me. No one came except three guys — three guys and three armored cars of riot police. And tens of hired thugs and officers came to terrorize us. They shoved us roughly away from the people. But as soon as we were alone with them, they started to talk to us. They said, „Enough! These guys who burned themselves were psychopaths.“ Of course, on all national media, whoever dies in protest is a psychopath. If they were psychopaths, why did they burn themselves at the parliament building?
I’m making this video to give you one simple message: we want to go down to Tahrir Square on January 25th. If we still have honor and want to live in dignity on this land, we have to go down on January 25th. We’ll go down and demand our rights, our fundamental human rights.

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Autor: rassloff

Verlagskaufmann Politologe Ex-Guide der Gedenkstätte Sachsenhausen Ehrenamt bei Grenzübertritte e.V. Ehrenamt der Zeitung "Frohe Botschaft"

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