Nicolaus Raßloffs Blog

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Funktionshäftlinge

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Ein beachtlicher Teil der Organisation und Verwaltung des Konzentrationslagers wurde von Häftlingen einer

höheren Position innerhalb der Häftlingshierarchie erledigt, der sogenannten „Häftlingsselbstverwaltung“. Historiker sprechen heute von Funktionshäftlingen. Die SS setzte besonders Kriminelle in diese Positionen, sogenannte „BVer“, „befristete Vorbeugehäftlinge“, die im Lagerjargon auch „Berufsverbrecher“ genannt wurden. Sie waren mit einem grünen Winkel gekennzeichnet. Schnell stellte sich aber heraus, dass die BVer nicht für das säuberliche Führen der Listen und Karteikarten qualifiziert waren. Daher wurden auch zunehmend politische Häftlinge, die einen roten Winkel trugen, als Funktionshäftlinge eingesetzt. Die SS sorgte dafür, dass nie eine Gruppe zuviel Einfluss hatte.

Die Norwegerin Wanda Heger brachte wöchentlich Pakete für die Norwegischen Gefangenen ins KZ Sachsenhausen und beschreibt die Konkurrenz zwischen Politischen und Kriminellen Gefangenen:
„Die SS leitete das Lager mit Hilfer dieser internen Gefangenen-’Verwaltung’, und der oberste der Gefangenen, der Lagerälteste, besaß erhebliche Macht. (…) Die Macht im Lager wechselte zwischen den Roten und den Grünen. Zu dem Zeitpunkt, als ich dort auftauchte, hatten die Roten das Sagen. Dieser häufige Wechsel und das Rivalisieren überhaupt waren ein geniales System; die Gefangenen bildeten somit nie eine geschlossene Front gegen die SS. Sie trugen den Machtkampf untereinander aus, die Macht konnte jeden Tag wieder wechseln, und niemand konnte sich seiner Position ganz sicher sein. Wer gerade oben war, erhielt Vergünstigungen in Form von besserer Kleidung und mehr Essen. Sie konnten Arbeitsplätze, Transporte und Einweisungen in die Krankenbaracke (Revier) ’organisieren’“
(Wanda Heger, Jeden Freitag vor dem Tor, Schneekluth-Verlag, München 1989: 46)

Jede Häftlingsbaracke hatte einen Blockältesten und einen Stubenältesten. Sie waren die einzigen Häftlinge, die ein eigenes Bett hatten und waren für Ordnung in der Baracke verantwortlich. Arnold Weiss-Rüthel berichtet über den Stubenältesten Arno Musch des B-Flügels von Baracke 25:
„Er haßte alle Gebildeten und betrachtete es als einen Akt ausgleichender Gerechtigkeit, wenn er einen seine Überlegenheit und Macht zeigen konnte. Er war nicht besser, als irgendein SS-Angehöriger, denn auch er hielt den Totschlag für das geeignetste Erziehungsmittel. Er verdächtigte Menschen, die ihm nicht paßten, des Diebstahls und schlug sie mit einem Gummiknüppel oder einem Stuhlbein tot. Er konnte sich das leisten, denn es war niemand da, der es ihm verboten hätte. Er hatte das Gesicht eines Teufels und trieb Unzucht mit jungen Polen. […] Er war eine vollkommene Bestie und zitterte nur, wenn nachts die Alarmsirenen aufheulten und die Bomber mit donnernden Motoren das Lager überflogen. Dann kroch er aus seinem Bett und starrte durch das Fenster in den Himmel. Bei jedem Abschuß der Flak zuckte er zusammen wie unter einem Peitschenhieb.“
(Arnold Weiss-Rüthel, Nacht ud Nebel, 1946: 59-60).

Dieses Beispiel von Leon Shalet, dass sich in der Zeit von „Ostern 1940“ ereignete, verdeutlicht den existenziellen Konflikt zwischen Funktionshäftlingen und einfachen Häftlingen:
„Die Vormänner gingen mit den Gefangenen wie Wahnwitzige um. Besonders blutig traf es die Strafkolonne. Und eines Tages kochten die Verzweiflung und der brodelnde Hass der Sträflinge über. Ein Gefangener der Strafkolonne versetzte einem Vormann, der ihn unmenschlich misshandelt hatte, mit einem Spaten einen Hieb über den Kopf und verletzte ihn lebensgefährlich. Darauf machten sich die übrigen Vormänner über den Täter her und schlugen ihn an Ort und Stelle tot. Der Rest der Strafkolonne wurde wegen Meuterei zu schwerem Karzer verurteilt und, wie wir vermuteten, dort schnell erledigt.“
(Leon Shalet, Baracke 38, Berlin 2006, S. 376)

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